Ein offener Brief an OBM Jung: „Gehen Sie auf die Betroffenen zu!“

Wir danken R. Jacob für diesen Brief, den wir hier zu veröffentlichen gebeten wurden.
Wenn ihr auch Briefe geschrieben habt und wir sie veröffentlichen solle: Meldet euch!

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Burkhard Jung,

in den vergangenen Monaten und Jahren hat des Öfteren die asyl- und fremdenfeindliche Bewegung LEGIDA in Leipzig von sich Reden gemacht. In der Öffentlichkeit haben Sie häufig das Auftreten und die Ziele dieser Bewegung kritisiert, das war mutig und hat Ihnen sicher auch einigen politischen Gegenwind beschert. Sicher war Ihnen hingegen das Wohlwollen der demokratischen Öffentlichkeit und der Medien. Zu Recht haben Sie verschiedene Male Gelegenheit gehabt, stolz auf das bürgerschaftliche Engagement der Leipziger zu sein, wenn sich diese mutig der rechtspopulistischen und z.T. rechtsextremistischen Bewegung entgegengestellt haben. So auch nach der Demonstration am 02. Mai 2016.

Umso irritierender ist es, dass die Ihnen unterstellte Zentrale Bußgeldstelle im Februar diesen Jahres Bescheide verschickt hat, die die Teilnahme an einer Sitzblockade auf dem äußeren Fahrstreifen des Martin-Luther-Rings mit teils erheblichen Bußgeldern ahnden – nach meinem Kenntnisstand mit insgesamt über 50.000 Euro gegen mehr als 150 Beteiligte.

Den Teilnehmern – darunter viele Studenten – an der übrigens friedlichen Sitzblockade muss es wie ein Hohn vorkommen, öffentlich zumindest indirekt vom Oberbürgermeister zum zivilen Widerstand ermutigt zu werden um von der Verwaltung der Stadt Leipzig dann zur Kasse gebeten zu werden.
Es erscheint mir unverhältnismäßig, die Teilnehmer, die sich in den letzten Monaten und Jahren mehrfach gesetzeskonform in Protesten gegen die fremdenfeindliche Bewegung engagiert haben, derart massiv einzuschüchtern und zu kriminalisieren. Einem solchen Protest wohnt verständlicherweise eine gewisse, nicht immer absehbare Dynamik inne, welche in diesem Fall zu besagter Sitzblockade führte. Ob es sich bei einer solchen Sitzblockade um eine Ordnungswidrigkeit handelt, sieht die bundesdeutsche Rechtsprechung nach meinen Recherchen offensichtlich anders. Auch das Agieren der Polizeikräfte in den Ländern erfolgt bei Sitzblockaden anscheinend sehr unterschiedlich. Alles in allem keine besonders gute Grundlage, als Gegendemonstrant den Staat und das Gesetz auf seiner Seite zu wissen. Es dürfte jedoch nachvollziehbar sein, dass spätestens nach dem massiven Eintreffen der Polizei und den Aufforderungen zur Beendigung der Blockade eine Situation entsteht, die man am ehesten mit gegenseitiger Solidarisierung und Gruppenzwang beschreiben kann – mithin ein Ausbrechen Einzelner ohne Gesichtsverlust kaum mehr möglich ist.

Fatal ist neben der finanziellen Belastung auch das damit verbundene politische Signal: Das Eintreten gegen sich restaurierende rechtsextremistische Bewegungen ist immer vom Risiko begleitet, eine Ordnungswidrigkeit zu sein. Jeder der Betroffenen wird sich gut überlegen, das nächste Mal in Hör- und Sichtweite eines solchen Auflaufes gesellschaftliche Haltung zu beweisen. Wenn meine Beobachtung stimmt, dann ist die Studentenschaft der Stadt Leipzig ein wesentlicher Kraftquell der Protestaktionen gegen LEGIDA und Co., der damit Gefahr laufen könnte, zu versiegen.

Ich bitte Sie: Gehen Sie auf die Betroffenen zu. Bringen Sie das Gewicht ihres politischen Amtes in diese Angelegenheit ein und veranlassen Sie Ihre Behörde, die eingeleiteten Rechtsmittel auszusetzen und eine Übergabe an die Staatsanwaltschaft bzw. das Gericht zu verhindern.

Ich bin der Überzeugung, dass sich im Rahmen einer Mediation zwischen den Blockierern und den Institutionen der Stadt bzw. der Polizei wesentlich größere Chancen für die Beilegung des Verfahrens auch mit Hinblick auf zukünftige Konfliktsituationen ergeben würden.

Mit freundlichen Grüßen

R. Jacob

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